Denn sie wissen was sie tun.
Denn sie wissen was sie tun
Er verabschiedete sich von seinem langjährigen, stets zuvorkommend stillen Chauffeur Herrn Wegener. Augenkontakt: Man sah sich in die Augen, aber nur in eins gleichzeitig. Ihr Händedruck fiel mit dem ausschnaufenden Geräusch eines aufgeschraubten Tankdeckels eine Zapfsäule weiter zusammen und auf der Fahrerseite heute ungewohnt fest aus. Der Regen hatte sich gelegt und in der Luft nun der Geruch danach, der auf eine Art charakteristisch war wie die sprichwörtliche Zigarette: post-petrichor, petrolisch vermischt mit frisch gezapftem Benzin.
Herr Wegener machte sich auf, zurück in seinen treuen olivgrünen Jaguar Jahrgang 89 zu steigen. Für gewöhnlich brachte er seinen Chef damit jeden Morgen zum Gericht und am Abend wieder heim zu Tisch. Nur heute war es ein wenig anders. Schon seitlich in die Hocke gegangen und die Tür fast hinter sich zugezogen, richtete er sich noch einmal kurz auf, legte die Hand auf die Autotür und gab ihm ein seltsam betontes Mach´s gut mit auf den Weg.
Vielleicht das erste Mal an diesem Tag, dass Herrn Ntscheider sich hätte wundern können.
Er nickte und hob die Hand zum Abschied. Den Kaffeebecher in den Mülleimer neben sich geworfen, klemmte er die Tageszeitung unter den Arm, in der der gleich auf ihn zukommende Fall einmal auf Seite 3 und einmal im Feuilleton unter der Überschrift Life-Performance – Das Spiel des Lebens und das zu leben behandelt wurde, während auf anderer Seite von Diskoschütze und Wortspielen der Sorte trifft im Netz ins Herz die Rede war.
Herr Wintheimer lenkte den Wagen neben den ihm zur Seite gestellten Kollegen Herrn Ntscheider, Flurfunkname „ntschieden, im Namen des Volkes, Gesundheit, Amen“, während
er leicht nach hinten gebeugt auf das von seiner Assistentin nach vorne gereichte iPad sah. Der Tatort: | Ein Club. Der DJ, der panisch sein Mischpult verlässt. Ein auf der Tanzfläche herumirrender junger Mann. Brüllt etwas, das aber von elektronischem Minimal geschluckt wird. Tumultartig umherrennende Menschen, während er wild mit einer Pistole gestikuliert, sich vor ein Mädchen kniet und sie regungslos ansieht. Funkelnder, auf ihn niederprasselnder Scherbenregen der über ihm zerschossenen Diskokugel. |
Irgendjemand auf der Welt teilte das Video ein weiteres Mal der Internetgemeinde, Hashtag #beenthere, ein anderer postete als Kommentar den MEME Der Moment, wenn die Matrix real wird, und die Assistentin drückte auf Pause.
Der Wagen kam zum Stehen und Herr Ntscheider zog zwischen zwei Zapfsäulen vor sich selbst den Hut. Das einseitig verspiegelte Seitenfenster schob sich langsam nach unten und gab den Blick auf das Wageninnere frei, 56/k-sukzessiv wie das Internet eines fernen Millenniums ein Foto.
Milchig schwappte die Nachmittagssonne über die ausschlagende EKG-Linie der Häuser und Gebäude der Stadt, umrahmte die Atemwolken der Schornsteine und Passanten auf der Straße, gischte zwischen den Fernsehantennen und Metallspeichen der vorbeirollenden Fahrräder auf und uferte in der pianoschwarz lackierten Motorhaube aus, die die Umgebung wie in Kaffee gerührte Spiralen spiegelte, um sich dann hinter der Windschutzscheibe in den Flusen seines grau gerauten Mantels zu verfangen. Ntscheider blickte auf die dünne Staubschicht im toten Winkel der übereinander verschränkten Scheibenwischer.
Herr Wintheimer fuhr einen Roadster, neuestes Baujahr. Sportliches Modell Marke: Man drücke einen Knopf, worauf sich etwas langsam aus seiner in die Oberfläche eingelassenen Fassung heben wird. Gerade war das der Touchscreen der Bordsteuerung. Ein leicht synkopiert verschleppter Halfstep-Bass gab ein eindringliches Wummern im durch Tiefpassfilter variierten Obertonbereich von sich.
- Dubstep ist das Ihre nicht, nehme ich an?
Herr Ntscheider bat um etwas Jazz, woraufhin der junge Mann durch die Playlist scrollte und bei einem Musikordner namens /smooth mood Halt machte.
Herr Ntscheider ließ sich aufklären. Über die Aufregung, die der Fall verursacht hatte. Das Gerichtsgebäude seit gestern von Journalisten und Fotografen umstellt und ungestört nur noch durch das Nebengebäude betretbar. Darum auch die Tankstelle am Stadtrand, da es aus naheliegenden Gründen nicht wirklich zur Beruhigung des öffentlichen Aufruhrs beigetragen hätte, wenn noch vor der Verhandlung Richter und Verteidiger des Angeklagten zusammen gesehen worden wären. Die Tat war das Wochenende, vergangenen Samstag passiert und hatte seitdem einiges Aufsehen erregt. Presse, Funk, und vor allem in den unüberschaubaren Weiten des Internets rotierte es in die Siebenstelligkeit. Wintheimer wunderte sich, dass der Richter ruhig geschlafen hatte, im Gericht waren sie seit gestern Nacht auf den Beinen, um sich einzuarbeiten. Er machte eine Geste, die an den Augen Müdigkeit bedeutet hätte, an der Nase aber die gegenteilige Wirkung erzielte.
Seine Assistentin, die sich gerade mit einem Kugelschreiber eine Strähne aus der Stirn wischte, saß leicht nach vorne gebeugt auf dem mittleren Platz der Rückbank, ließ ein Video auf ihrem iPad laden und reichte Herrn Ntscheider eine Aktenmappe nach vorne. So zuvorkommend, dass er sich gar nicht erst umständlich hätte umdrehen müssen. Er legte sie auf seinen Knien ab, vergrub die Hand wieder in seiner Manteltasche, bedankte sich bei seinem Kollegen, der per Knopfdruck eine kleine Tischfläche aus dem Handschuhfach einrichtete und schlug, den Ellenbogen auf dem perforierten Karbonleder der Armlehne abgestützt, die erste Seite auf.
Er überflog die Tatbestände, indem er sie wie die Zutaten eines altbekannten Rezeptes abhakte, Sachbeschädigung, Waffenbesitz, Nötigung, Beamtenbeleidigung, und blätterte weiter zu der persönlichen Stellungnahme des Angeklagten.
// Bitte lesen Sie das hier nicht als Verteidigungsschrift.
Weder weiß ich, ob ich schuldig bin oder nicht, noch beteuere ich das eine oder andere. Sagen Sie es mir. Sie waren zwar nicht dabei, aber das kann ich außer einer gewissen physischen Präsenz genauso wenig von mir behaupten. Wenn es zutrifft, dass die Erinnerung der Wächter aller Dinge ist, dann wurde mir in besagter Nacht das Stübchen mal mehr als fachgerecht ausgeräumt. Es ist lediglich die Wahrheit, insoweit man diese eben beanspruchen darf. Aber in der mir bescheiden beschiedenen Wahrheit will ich sagen: die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit. Ich schreibe das noch einmal, nicht dass man mir später den rhetorischen Kniff unterstellt, ich hätte „nichts“ groß gemeint. //
Herr Wintheimer schaltete einen Gang höher und fuhr, nachdem der alte Mann die Akte weggelegt hatte, fort.
- Kriegen echt nen Arsch voll Aufmerksamkeit gerade, die Jungs, allen voran natürlich Elias hier, unser Diskoschütze. Stellen auch fleißig neue Videos von sich ins Netz. Sind sowas wie eine Theatercrew, die ihre Inszenierungen hauptsächlich an kameraüberwachten Orten durchführt. Und, echt die Höhe, heute Morgen hat mich der Typ quasi hochkant gefeuert. Sagt der mir doch eiskalt, bedankt sich dabei sogar noch, dass er mich ab jetzt nicht mehr bräuchte, die Information, dass ihm ein Urteil zustehe reiche ihm völlig aus. Und jetzt besteht der auf ein Urteil, felsenfest, und hält rein gar nichts davon, das Ganze hier außergerichtlich zu regeln. Aber ein Urteil will er, als Entscheidung "von oben", wie er meint, weil er die selbst nicht treffen kann. Dahingehend, ob das Ganze jetzt als Inszenierung mit verminderter Schuldfähigkeit anzusehen ist oder er da in vollem Bewusstsein war. Er meint, in dem einen Fall hat er die volle Strafe verdient, keine Frage, im anderen Fall müsste er sich halt eingestehen, vollends wahnsinnig geworden zu sein.
Gesetzt, der Fall ist was der Fall ist, kam er Herrn Wintheimer mehr als gelegen. In seinem Kopf buchstabierte sich das Wort Publicity wie ein Mantra. Und da dem Angeklagten der Ausgang des Urteils egal war, konnte er als sein Verteidiger ja nur gewinnen.
Von der Rückbank reichte die Assistentin ein iPad nach vorne, auf dem der Angeklagte zu sehen war, die Hände in den Taschen seiner blau-weißen Trainingsjacke vergraben, während er, ohne sein Gesicht abzuschirmen, den Strahl des Beamers kreuzte, der ein Video auf die Wand hinter ihm projizierte. Er stand leicht seitlich dazu und kommentierte das Geschehen im Off. In der rechten Ecke der Bildfläche der Schatten eines Mädchens, das auf einem Sessel saß, die Beine übereinandergeschlagen, und ab und zu Fragen stellte.
| Das Video im Video zeigte einen Boilerroom. Die im Raum installierte Kamera fing zusätzlich zu dem frontal aufgezeichneten DJ auch das neben und um ihn herum tanzende Publikum ein, in dem auch einige der gerade in der Küche Anwesenden auszumachen waren. Den Kopfhörer gegen ein Ohr haltend, pitchte dieser gerade zwei Songs Sorte Minimal House im 120 bpm Marschschritt aufeinander. Eine Wolfsmaske blickte in das erschreckte Gesicht eines Mädchens. Das Video wurde ein Stück zurückgespult. Man sah den Angeklagten, wie er ein Mädchen an seinem ausgestreckten Arm eine Pirouette drehen ließ und in der Zwischenzeit eine Maske aus meiner Jackentasche holte. |
- « Aber natürlich machen wir das aus Gefallsucht. Das ist schon kein geringes Maß an Eitelkeit, dass man damit ein längst vergangenes Gedicht von Gryphius, dem alten Barocker (mit einem „r“) stemmen könnte. Aber klar, das kommt ja nicht von ungefähr, ist ja irgendwie der Zwang der heutigen Zeit. »
| Raul bewegte sich in maximal entschleunigter Zeitlupe im Stile eines funny walk von einer Ecke zur anderen, die Menge tanzte, hier und dort wurde sich unterhalten und die Kieferfaxen des Gegenübers für Mimik gehalten. An den Rändern der Tanzfläche standen zwei mit Regenschirmen in der Hand und simulierten ein Tennismatch ohne Ball. Nach jedem Ballwechsel zogen sie eines der schichtweise getragenen T-Shirts aus, um so die Vorgaben der Sponsoren zu erfüllen. Gerade verlor Wernereckers Frisches: Klar! trotz eines in allerletzter Sekunde geloopten Rückhandschlages gegen den Volley von Hör auf dein Rauchgefühl. |
- « Du musst ja irgendwie präsent sein, solange du nichts im Internet postet, bist du ja gleich derjenige, der mit Fertigpizza in der Ecke seines Zimmers sitzt, Noise hört und zu japanischen Tentakelfilmen masturbiert, während er sein Lieblingskuscheltier streichelt. Und wir haben ja den Anspruch, gut dabei zu sein, wir heimatlos Getriebene, die wir überall neue beste Freunde finden und uns bei den alten nicht mehr melden, aber ihnen genau das vorwerfen; wir könnten genauso gut Versicherungen verkaufen wie Vernissagen organisieren, mit dieser Basis an Abgeklärtheit, die nach außen gelassen wirkt, aber eigentlich nur der ewige Zweifel der Minderwertigkeit in einem ist, der abgepuffert werden will- könnten uns in jeden verlieben, wenn der andere sich in uns und sogar wenn wir gekidnapped und auf dem Straßenstrich in Thailand als Tunte verkauft werden, würden wir noch drei farblich aufeinander abgestimmte Lidschatten auftragen und uns in kokettem Flirten üben, um nicht für 1,60 über den Bordstein zu gehen.
Ich bin wie ich bin. Und selbst das kostet mir schon nen Sack voll Mühe. » |
Gerade stritten sich die User der beiden Kommentare Diese Augen! und Was für ein behindertes narzisstisches Arschloch… miteinander, und tatsächlich ließ der Hitlervergleich noch etwas auf sich warten.
Abwesend umrundete seine Hand die beige Umlaufkrempe seines puritanischen Bogart-Hutes. Normalerweise war er einer vom Schlag älterer Männer, der die Stirn runzelt, nachdem er es eigentlich schon hingenommen hat. Seine ntschiedene Gelassenheit war im Gericht schon sprichwörtlich geworden. Auf die Frage, wie man denn dahin komme, konnte er nicht viel sagen, hatte es sich doch irgendwie eingeschlichen wie die Falten in seinem Gesicht.
Ntscheider blickte aus dem vom Morgendunst noch beschlagenen Fenster. An einer roten Ampel erschrak ein kleines Mädchen mit komischem Rucksack, als ein Mann hinter ihr aus dem Nichts lauthals Alles gut, es wird alles gut! verkündete. Die Ampel sprang auf grün und ungerührte Passanten passierten die Kreuzung. Aus einem die Querstraße runterheizenden, bassdröhnenden Cabriolet warf ein junger Mann seine Zigarette an die Schulter eines Obdachlosen. Dieser sah den grölenden jungen Männern hinterher, überlegte, zuckte mit den Schultern und rauchte die noch brennende halbe Zigarette im Weitergehen zu Ende.
Man hatte sich halt einzurichten, in den Lauf der Dinge. Was weniger mühsam ist, wenn man einmal erkannt hatte, wie wenig der Löwenanteil des Lebens sich darum scherte, auch nur minimal irgendetwas mit einem zu tun zu haben. Seitdem begegnete er dem Leben mit großer Neugier, was ihm im Laufe der Zeit immer weniger paradox erschien.
Er fühlte sich ein wenig ertappt, als er die Assistentin neben sich erkannte, die ihm das nächste Video hinhielt. Ganz in Gedanken versunken hatte er vergessen, sich zu schnäuzen, und so saß er im Augenwinkel zu ihr mit dem Zeigefinger unter der Nase. Beim Hochziehen kam der Geruch von einshampooniertem Granatapfel mit, und unweigerlich schlich sich das Bild von kondensbeschlagenen Duschtüren in seinen Kopf.
| «Vielleicht haben wir auch einfach nur richtig Panik davor, da einfach mal man selbst zu sein und es mit der Wahrheit zu versuchen, dabei aber sowas von grandios zu scheitern, so, dass man auf uns zutritt und ganz ehrlich gesagt bekommt: Das ist jetzt nicht wirklich dein Ernst, oder?
Entweder, wir sind gen Endlosstation zu zynischen Heuchlern verurteilt, denen unterstellt wird, schon zu lügen, wenn sie ich sagen, oder wir sind naive Narren, die tatsächlich vor Schmerz aufschreien, wenn ihnen plötzlich das Toupet vom Kopf gerissen wird. Und zu was greifen wir dann, zum Kamm oder zur Hoffnung, weil wir Angst haben, einfach nur scheiß Angst davor haben, da auf einmal so komplett nackt dazustehen.
Keine Ahnung. Was meint ihr? Für was hat man dann all diese abgeklärten Sprüche Kaliber Wenn der Sinn des Lebens leben ist, und auf einmal alles anders kommt, als man denkt, dann lohnt es sich wenigstens, davor Pessimist gewesen zu sein, außer, um dem Ganzen noch ein trockenes Grinsen entgegenhalten zu können.
Kennt ihr das, wenn man da lächelt, wenn man jemanden in die Augen sieht, weil man Angst hat, dass da nichts ist? »
Gerade postete Orgi_69 auf Youtube den Kommentar: „Häh?“.
Während Ntscheider zusah, sprach Herr Wintheimer mit seiner Assistenz einige Termine ab und bat sie, beim Fundbüro des Friedhofes anzurufen. Er hatte dort im Zuge des Treffens mit dem Angeklagten heute Morgen sein Diktiergerät und seinen Helfer gegen Nervosität und Kreislauf verloren. Was sie für keine so gute Idee hielt, das mit dem Fundbüro. Sie dachte an das Diktiergerät, er laut:
–Ah stimmt ja, das Koks.
Herr Ntscheider fasste sich zwischen die Augenbrauen.
- Frau Bürstner, geben Sie ihm doch bitte noch die letzte Aktenmappe. Ist zwar vom Prozess her belanglos, im Endeffekt handelt es sich hier um einen im juristischen Verfahren völlig belanglosen schriftlichen Einspruch auf den vom Gericht erlassenen Strafbefehl. Reine Formalität vor der eigentlichen Verhandlung, die diese prallgefüllte Aktenmappe vollgeschriebener Seiten „Literatur“, oder was es auch immer ist, einem Einkaufszettel gleichstellt, auf dem „Einspruch“ steht. Aber es sind sozusagen Informationen, die uns da bereits vor der Verhandlung bereitgestellt wurden, die uns bei der Vorbereitung behilflich sein können. So meinte das der Ruf von oben, jener unsichtbaren, alles leitenden Instanz des Gerichts ohne offiziellen Telefonanschluss und SIM-Karte.
Der Morgen danach
Irgendwo, zwischen aufgestanden, dem ersten Kaffee des Tages, dabei, aufzuwachen. Irgendwie hatte es mich an diesem Morgen mal so par excellence auf dem falschen Fuß erwischt. Das dumpfe Aufeinanderklacken der über der Küchentür aufgehängten Drumsticks begleitete mich, worauf sich die Blicke des bunt im Raum verteilten menschlichen Mobiliars von dem an die hintere Küchenwand projizierten Video lösten und in meine Richtung justierten.
Es dauerte einen Moment, der einige Augenblicke anhielt, bis ich Morgen sagen konnte. Grobkörnig, orange unterlegt, wie ein minimal Richtung altem Filter verschobener Regler, fiel das Sonnenlicht durch die teebeutelfarbigen Abacáfaser-Plisees vor den Fenstern. Meine Schauspielkollegen verstreut im Raum, Beschäftigungen wurde nachgegangen. Mir wurde heiß, besonders an der linken Wange. Ich stand leicht im äußeren Rand des staubdurchzogenen Lichtkegels, der sich vom Beamer kommend quer durch den Raum zog, wodurch sich am rechten Bildrand ein gekräuselter Schatten über die Projektion legte. Instinktiv fasste sich eine Hand durch das Bild an den Kopf. In den Wirrungen meiner Locken stieß ich auf etwas Hartes, ein Glassplitter, der im Lichtstrahl des Beamers aufblitzte. Ich sah auf die Leinwand. Sich wiederholende, aneinandergereihte Bilder. | Jemand kniete auf dem Boden, eine Pistole mit dem Lauf nach oben geschultert, eine zerschossene Diskokugel, von oben herabprasselnder Scherbenregen, eine hochgehaltene Hand, Helenja vor ihm, nein, vor mir stehend, während er, ich…: | Schnell fuhr ein Mauszeiger durch den Bildschirm und setzte das Video zurück.
Ich trat einen Schritt zurück und musste bewusst den zweiten stoppen, indem ich den nach hinten gezogenen Fuß gegen den anderen lehnte und die Arme verschränkte.
Augen starrten mich an, Aspirin fiel in ein Glas. Tosendes Aufsprudeln, getrübt vereinnahmtes Wasser. Ein zum Mund geführter Löffel Dotter, in die geköpfte Eierschale zurückgelegt. Zwei Köpfe steckten sich zusammen, halblaut etwas austauschend. Durch den Beamerstrahl tobte Staub. Ein aufbrausender Wasserkocher. Ein verstohlen auf mich schielendes Augenpaar, bis ich hinsah, und es zu Boden ging. Abgespieltes Gelächter Sorte 70er-Jahre-Sitcom. Einer vergaß die Zahl seiner bereits vorgerückten Züge auf einem Spielbrett und stellte seine Figur auf das Ausgangsfeld zurück. Klirren von Geschirr. Ein Fuß, an die Wand gelehnt, ein Daumenkino wurde zurückgeblättert, ein eingegipster Arm über das halb entschminkte Gesicht gelegt – eine Frau, die ihre Wimpern abzog -, die Antwort auf ein rhetorisch in den Raum gestelltes „Aber wisst ihr, was das Krasseste ist…“ zu liefern vergessen. Aus der Dusche auf den Boden spritzendes Wasser.
- Morgen.
Stand also so da, verloren. Wo man jetzt schon mal hier war, musste man auch irgendwas tun. Vor den Kühlschrank knien, irgendwas in Griffweite. Sah mich eine Packung Goudakäse in der Hand halten und setzte mich. Rollte eine Scheibe zusammen, schob sie in den Mund, so, als hätte ich das vorgehabt. Erleichterung ob der mitgenommenen Packung Zigaretten.
Der Duschvorhang beiseitegeschoben, ein grinsender Kopf kam zum Vorschein. Raul, mein Mitbewohner. Strich sich die nassen Haare glatt, band sich ein Handtuch um die Hüfte und stieg aus der mit Geschirr und Besteck gefüllten Wanne. Geruch von Rasierwasser und blauem Sportduschgel, als er auf mich zukam. Ich hielt mir eine zusammengerollte Käsescheibe vor das rechte Auge.
- Oida, moin! Da piss mir doch in den Pinot Grigio, wen haben wir denn da! Na, alles frisch?
Gedanken: Durchatmen. Körperspannung. Fake it till you make it.
- Naja, eher so dürrenmatt. Sag mal, Helenja hat heute bei mir geschlafen?
Er nahm einen herumliegenden Karamelriegel an sich und riss die Verpackung mit seinen Zähnen auf.
Etwas blitzte in seinen Augen auf. Er schien zu überlegen.
- Du kannst dich an nichts erinnern, was passiert ist?
- Filmriss vom Feinsten. Warum, was war denn?
Er drehte sich in die Runde, die lauernd unserem Gespräch zuhorchte. Rollte dann denn Kopf seitlich nach unten und murmelte etwas, was ich nicht verstand. Ich fragte nach, aber er wiederholte es nicht. Sah mich einfach nur an. Sein „Ach.“ fiel auf den Krach, mit dem im hinteren Teil der Küche ein Stuhl auf dem Boden zerschmetterte.
- Verdammte Axt!
Pavel war vornüber gefallen, rappelte sich hoch und inspizierte seinen Ellenbogen. Er nahm das Lehrbuch „Fallen für Fortgeschrittene“ zur Hand und studierte noch einmal das vorletzte Kapitel. Im allerletzten Moment, vor den unumkehrbaren 45 Grad, hatte ihn der Mut verlassen und er panisch nach dem Stuhl in Griffweite gegriffen. Er hatte es aber auch mit keinem einfachen Fall zu tun. Einer der schwierigsten seiner Art wurde der hamletsche Eidinger so regungslos wie kerzengerade, gleich einem nach vorne fallenden Brett, gestürzt, vom Schwierigkeitsgrad auf einer Stufe mit der Darbietung von Philip Seymour Hoffman in der Basketballplatz-Szene von Along Came Polly. Doch sein Ehrgeiz ungebrochen, motiviert besonders durch das ab und zu von seinen Kollegen provokativ geladene GIF, das ihn im Boilerroom zeigte, wie er aus der zweiten Reihe sehr ungeschickt Richtung DJ-Pult stürzte. Es wirkte sehr gestellt, was im Falle des Fallens natürlich eine gehörige Portion Authentizität vermissen ließ. Den nächsten Eidinger stand, beziehungsweise fiel er aber tadellos.
Raul drehte sich in die Runde und intonierte
- So, und jetzt alles auf Anfang,
was wohl jeder, nur ich in diesem Moment nicht verstand.
Das Video der in der oberen Ecke der Küche aufgehängten Webcam hatte an diesem Morgen so ziemlich genau die doppelte Länge der sonstigen Nachbetrachtungssessions.
Ich bin da drin. //
- So, da wären wir.
Sie hatten den Friedhof erreicht. Er lag in einem der teureren Viertel der Stadt. Kein jüdischer. Herr Ntscheider hatte adrett gelegte Gräber erwartet und so war es auch. Symmetrisch und geordnet, bei der Bepflanzung der Anlage und der Gestaltung der Gräber mit Liebe zum Detail. Regelmäßige Störung der Totenruhe, um Abschied zu nehmen und die Gräber der Nachbarn in Augenschein.
Mit Blick auf dem Boden lief Herr Wintheimer den Weg ab, auf der Suche nach seinen verlorenen Gegenständen, während seine Assistentin dem Altsemester das fertig geladene Video auf ihrem iPad zeigte
- Herr Ntscheider, das ist jetzt die nachbearbeitete Version des Originalvideos, in der statt der Musik im Club die Aufnahmen des Diktiergeräts von dem Mädchen untergelegt sind. Da hat er jetzt auch gleich die Tatwaffe, die er für ein Requisit hält…
Sie hielt das Tablet so, dass Herr Ntscheider es bequem beim Laufen betrachten konnte. Dabei nahmen sie die Nähe ein, innerhalb der Hand in Hand gehende Menschen sich bewegen, ein wenig näher als nur nebeneinander, beziehungsweise ein Stück weniger weit weg.
| Er und sie nebeneinander. Sie fragte, er antwortete.
„Inwieweit geht bei dir diese Gefallsucht Hand in Hand mit, nennen wir es mal Egoismus…" „Komm, sag schon Narzissmus, ist ok. Aber ja, das ist so ein zweischneidiges… Ah, spannend, wart mal eben."
Elias ging aus der Bildfläche, kehrte zurück und ließ eine Pistole um seinen Zeigefinger kreisen.
„Sieh mal, was ich da Hübsches gefunden habe. Sprich dein letztes Gebet!", und hielt ihr die Mündung an die Stirn.
„Hey!"
„Ach komm, ist doch nur Accessoire", worauf er sich die Waffe an die Schläfe hielt, abdrücken wollte, aber in dem Moment durch Pavel unterbrochen wurde, der seinen missglückten Sturz von vorhin durch eine pantomimische Darstellung von Bus um 5 Sekunden verpasst zu retten suchte und ihn dabei anrempelte. Elias klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Von hinten rief ihm jemand Du verdammter Lude! über die Schulter, worauf er ihr die politisch korrekte lateinische Ableitung erklärte, aber, no homo, klar.
„Also das ist so ne zweischneidige Sache. Klar ist das ein Ego-Ding, unbestritten. Aber irgendwie, ich weiß nicht, ob es das gänzlich umfasst. Eher im Sinne von etwas für jemanden sein. Aus einer Art Leere heraus, die ich verspüre, wenn ich mit mir allein bin, was teilweise echt alles andere als fun ist."
Hinter ihnen hielt einer einen Karton hoch, das verschiedene Sätze mit Round I, II, III… ankündigte, in der vierten Runde gab Tho sich der Interpretation des Satzes Mama, mach die Beine breit, ich will zurück. hin.
„Ich mit mir allein, das ist beizeiten schon ein Kampf. Würd ich ehrlich niemandem wünschen wollen. Glaub mir, ich kenn mich da zwangsläufig ein wenig mit aus. Da sind so Grenzen, an die man stößt, und man weiß, dass da ein Abgrund herrscht, in den man aber nicht mal hineinfallen kann, sondern der da einfach nur mit trägem Schwarz klafft und sonst nichts zu erkennen ist, was einem noch ne Antwort liefern könnte. Irgendein Na gut, ja aber… gemischt mit Was soll´s."
Er deutete mit der Waffe durch den Raum, es wurde geklatscht. Der DJ drehte sich zu ihm und legte eine leicht gedubte Version von Where is my Mind? auf, worauf es sich Elias natürlich nicht nehmen ließ, den dazugehörigen Filmklassiker anzuspielen. Während er auf Raul zielte, sprach er weiter:
„Denke mir zum Beispiel oft, krank im Kopf zu sein, so wirklich voll geschrottet außerirdisch in der geht ja mal so überhaupt nicht mehr klar-Liga, und manchmal bringe ich es echt nicht mehr über mich, dem noch zu widersprechen. Kam einfach mal so, ich meine, keine Ahnung, ob es das jemals gegeben hat, was man als die unschuldsseelige Zeit, Kindheit oder bevor die ganze Scheiße anfing-Zeit bezeichnet, aber keine Ahnung, es war auf einmal da und kam wie der Effekt bei Wer das liest ist doof: ist passiert, bevor man wusste, es passiert."
Er begrüßte Sheldon mit Handschlag, der so heißt, weil er exakt wie der Charakter aus der Serie aussieht. War durch ihn zu zeitweiser Berühmtheit gelangt, als er einen seiner Auftritte in der Boiler Room-Reihe, den von Steve Bug in Berlin, in das desaströs-gelatinöse Set von Thom Yorke geschnitten hatte. Bei Sven kickte gerade etwas namens Mescalin, worauf er unter lautem Jubel eine bravour-Version des übersensiblen Druffies darstellte, der zwischen kindlicher Faszination und erschrockenem Grauen ob der gerade durch den Raum schwebenden Seifenblasen schwankte.
„Vielleicht gibt es da klügere Menschen als mich, die da etwas, eine Lösung, gefunden haben, so ganz in sich selbst versunken. Aber da würde ich lügen. Für mich kann ich nur sagen, Wahrheit, das ist ein pathologischer Befund."
Er zielte mit der Waffe auf sich selbst. Von der Seite schrie jemand:
„Alter, verdammt, die ist echt!“
Elias grinste.
„Hey man, nichts ist hier echt!“ Mit offenen Armen kam Raul auf ihn zu.
„Aber stell dir doch mal vor, das alles hier ist real und nicht inszeniert...“ – „Na Halleluja, eine von innen herausgestülpte Matrix!“
Ein Mann mit Wolfsmaske lief durch den Raum und wollte ihm die Waffe entreißen. Als es nicht gelang, wandte er sich mit hektischen Armbewegungen an die herumstehende Menge.
„Aber Menschen, ich weiß auch nicht warum, lenken mich davon ab. Kann ich nicht anders sagen. Irgendwie ist es einfacher, das alles nach außen zu tragen als diese Gedanken alleine zu schultern. Denk ich an mich, weiß ich gar nicht, wen ich da eigentlich und was ich da erreichen will, aber bei anderen ist das halt, ähm, klarer, beziehungsweise, vielleicht unterstelle ich ihnen das auch.“
Er hielt sich die Waffe wie den nachdenkenden Zeigefinger an den Mund.
„Ganz sicherlich, wird ja wohl jedem so gehen. Aber die Versionen, mit denen wir im öffentlichen Kontakt miteinander umgehen, sind irgendwie erträglicher als die, die wir selbst sind.“
Die beiden standen vor einem Glas, auf dem „Wenn ich du wäre“ stand. Sie gab ihm einen Zettel daraus, er las und steckte ihn ihr in die Hosentasche. Sein Gesicht vibrierte, die Muskeln um Augen, Mund und Wangen zuckten und zogen sich zusammen, als würde sich etwas in sein Gesicht einarbeiten, was es nicht selbst war. Es hatte starke Ähnlichkeit mit der Clint Eastwood-Imitation im Standup-Programm von Jim Carrey.
„Wovor ich wirklich Schiss habe? Das kann ich dir sagen. Kennst du diese Angst, eine Schwäche preiszugeben, weil du befürchtest, dass man genau diese dann gezielt gegen dich verwenden kann?“
Die Menschenmenge löste sich auf. Der DJ packte panisch sein Mischpult unter den Arm und riss dabei ein Soundkabel heraus, worauf ein dröhnendes Störgeräusch den Raum flutete. Elias wirkte irritiert.
„Verdammt, wo geht ihr denn alle hin… Bleibt doch da!“
Panisch fuchtelte er mit der Pistole im Raum herum, lief auf die Menschen zu, doch selbst seine Schauspielkollegen nahmen auf einmal Reiß aus.
„Hey, lasst mich nicht allein… Hey!“
Er wandte sich hektisch im Raum herum.
„Warum geht denn jeder? Ist meine Wahrheit denn so schlimm?“
Er sah sie an. Sein Gesicht eingefallen, als hinge jeder Muskel durch.
„Bin ich denn auf ewig verbannt?“
Er blickte nach oben und fiel auf die Knie.
„Ich kenne mich und ich würde mich selbst nicht wollen. Und ich frage dich das jetzt, obwohl ich weiß, was ich dir damit antue…“
Musik
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